Weißrussen - Report
Die eigentliche Minderheit?
Wie lässt sich erklären, dass aus einem Festival der
nationalen Minderheiten nach und nach ein Festival nationaler Kulturen
wird? Warum wird weißrussische Kultur in der Aneinanderreihung
und Inszenierung folkloristischer Attribute mit in den Reigen der
Minderheiten aufgenommen? Was sagt das Festival der Kulturen über
die ethnischen Wurzeln der modernen weißrussischen Nation aus?
Nachdem der Festzug zur Eröffnung des Grodnoer Festivals der
Kulturen einen Kurzüberblick über die Nationalitäten der
Sowjetunion vermittelt hat, überrascht er den Besucher durch
zweierlei Gegebenheiten: die polnische Minderheit wurde aus der
alphabetischen Reihenfolge herausgelöst und tritt fast kurz vor
dem Ende des Zugs in großer Zahl an. Den Wimpel- und
Flaggenträgern folgt ein Blasorchester, dass zu diesem Anlass aus
einer Kleinstadt westlich des Bugs entsandt wurde, um der polnischen
Präsenz auf dem Festival einen entsprechenden Klang zu verleihen.
Danach erschienen unerwarteter Weise die Gastgeber im Zug der
nationalen Minderheiten: die Weißrussen. Die Stadtverwaltung, die
seit Monaten nichts anderes tut, als das große Fest zu
organisieren, hat Kollektive aus Verwaltung, Betrieben und Schulen
verpflichtet, Abordnungen mit Spruchbändern und
weißrussischen Flaggen zum Umzug zu entsenden, um den Reichtum
der weißrussischen Kultur zu demonstrieren. Währenddessen
haben Vertreter der weißrussischen Opposition das Weite gesucht
und sich auf ihre Landsitze in den umliegenden Dörfern
zurückgezogen – für sie bedeutet das Festival der Einbruch
der Barbaren vom Dorf. Während der Eröffnungszug nur von
wenigen Grodnoern wahrgenommen wird, kommen am dritten Tag alle auf dem
sowjetischen Platz zusammen, um das große Feuerwerk zu erleben.
Wenn man Antony D. Smith in seiner Argumentation folgt, dass zur
Begründung einer modernen Nation in jedem Falle auch
Ethnizität ein wichtiges konstituierendes Element sei, liegt in
der Entstehung des modernen weißrussischen Grodno ein
Schlüssel zum Verständnis der weißrussischen Nation.
Smith meinte damit nicht, dass alle unter dem Banner der Nation
versammelten Bürger gleicher Abstammung sein müssten. Das
Vorhandensein gemeinsamer Symbole und Mythen ist laut Smith die
Grundlage für den Erfolg nationaler Agitation. Somit gilt es nicht
zu beweisen, dass Grodno schon immer ausgesprochen weißrussisch
war, sondern wie die Stadt heute inszeniert wird und wie dabei auf
zuvor geschaffene Zeichensysteme zurückgegriffen wird.
Beim Festival der nationalen Kulturen handelt es sich um ein auf
Republikebene ausgetragenes Großereignis, welches im
Zweijahresrythmus alle Ressourcen der Stadtverwaltung bündelt. Es
hat sich zum Aushängeschild der Bezirksstadt entwickelt, sie
positioniert sich innerhalb der Republik mit ihrem Reichtum an
kulturellem Erbe. Dafür wurde das Bild der Blume geschaffen,
welches nicht ganz zufällig auch von Norman Davies für die
Europäisierung des polnischen Breslau verwendet hat. Statt also
die nationalen Wurzeln einer Stadt zu betonen, wird ihre kulturelle
Vielfalt in den Mittelpunkt gestellt. So zumindest war der
Ausgangsimpuls der Stadt im Aufbruch. Die Akteure, die das Festival zum
Beginn der 1990er Jahre aus der Taufe gehoben haben, definierten
nationale Minderheiten ursprünglich als den „natürliche
Reichtum der Region“. Damit meinten sie die ethnischen Gruppen des
historischen Litauens: Juden, Litauer, Tataren und Polen. Russen und
Ukrainer lagen nicht im Fokus der ersten Organisatoren, zu denen auch
der damalige Vizebürgermeister Alexander Milinkiewitsch, 2006
gemeinsamer Kandidat der Opposition bei den
Präsidentschaftswahlen, gehörte. Dennoch wurden letztere
beiden Gruppen noch berücksichtigt. Mit den Jahren und der
Entwicklung hin zu einem Festival von Nationalitäten, die als
ethnisch definierte Volksgruppen verstanden wurden, kamen auch jene
Gruppen hinzu die als Arbeitskräfte aus der gesamten Sowjetunion
nach Weißrussland gekommen sind. Am Ende haben sich „die
Weißrussen“ selbst als eine solche Volksgruppe in den Reigen der
Nationalitäten eingereiht und deshalb laufen sie am Ende des Zuges.
Nun darf man unter den Bedingungen des Regimes von Alexander
Lukaschenko mit einiger Berechtigung die Frage stellen, ob jene
Weißrussen, die am Ende des Zuges schreiten, die
größte Minderheit im Land darstellen, oder ob sie eben jene
Mehrheit darstellen, die das Festival benötigt, um sich selbst als
solche zu verstehen. Der Unterschied liegt im Verständnis von
nationaler Minderheit. Wie schon geschildert verwenden die
Organisatoren des Festivals zunehmend eine sowjetisch folkloristische
Konzeption von National´nost, die alle Bürger der Republik
mit einigen ethnographischen Attributen versieht, die sich in Form von
Kleidung, Tanz und Gesang zu besonderen Gelegenheiten inszenieren
lassen. Diese steht dem Selbstverständnis der mehr oder minder
organisierten weißrussischen Intelligenzija entgegen, die sich in
ethnischen Termini mit Bezug auf das Erbe des Litauischen
Großfürstentums und auf die Gründung einer
Weißrussischen Nationalen Volksrepublik im Jahre 1918 definiert.
In ihrer Sichtweise ist das Festival und die Teilnahme einer
weißrussischen Abordnung Ausdruck dessen, dass die sowjetische
Okkupation des Landes bis heute nachwirkt und dass die Weißrussen
als ethnische Gruppe längst zur Minderheit geworden sind und genau
deshalb zu aktiven Teilnehmern des Festivals geworden sind.
Diese Sichtweise lässt sich zwar bis zu einem bestimmten Grad als
christliche Märthyrergeschichte lesen und somit auch
nachvollziehen – tatsächlich wurden Vertreter jener kulturellen,
geistlichen Eliten, die sich als Weißrussen verstanden, im
Stalinismus und auch danach verfolgt. Das weißrussische Volk
wurde von den Bolschwiki und den Nazis enthauptet. Doch diese
Erzählung blendet zwei größere Vorgänge aus, die
genauso wichtig, wenn nicht entscheidend sind: die Folgen der Shoa und
des Exodus der polnischen Bürger Westweißrusslands
führte zum vollständigem Verschwinden städtischer Eliten
im Westen des Landes. Selbstverständlich waren dies keine
weißrussischen Eliten, waren doch Städte wie Grodno, Pinsk
oder Brest vor dem Zweiten Weltkrieg nur in geringem Maße von der
Präsenz weißrussischer Bürger geprägt. Und
zweitens: die Frage, wie jene Städte, die zuvor
polnisch-jüdisch geprägt waren, und deren orthodoxe
Bürger sich weit gehend als Russen betrachteten, letztlich
weißrussisch wurden. Die These lautet, dass sie in einem
demographischen Sinne erst dann weißrussisch wurden, als die
Stadtöffentlichkeit längst sowjetisch geprägt war. Somit
lässt sich die starke Russifzierung und Sowjetisierung der
weißrussischen Bürger, die noch heute in einem
Festivalsaufzug wie dem Grodnoer zur Schau gestellt wird, durch die
nachholende sowjetische Industrialierung insbesondere in
Westweißrussland erklären. Deren Kraft ist durch eine
Kombination von Landflucht vor den Kollektivierung, der
Verstädterung der Region und der Verdörflichung der
Städte zu erklären.
Die inszenierte Ethnizität sowjetischen Typs, wie sie auf dem
Grodnoer Festival alle zwei Jahre als große Performation zur
Schau gestellt wird, hat viel gemein mit jenem Bild des
Weißrussischen, welches die Bauern nach der Ankunft in der
sowjetischen Stadt vorfanden. Dort hatte man das Weißrussische in
folkloristischer Manier kurzum als das Bäuerliche inszeniert. So
wie zum Beginn des 21. Jahrhundert wurde bereits im Laufe der 1950er
Jahre eine städtische Interpretation des Dörflichen
geschaffen, indem in unzähligen Zirkeln und
Selbstbeschäftigungsgruppen Volkskunst, Tanz und Gesang als
städtische Kulturpflege betrieben wurde. Damals entstand
weißrussische Folklore in dieser Region zum ersten Mal in Form
einer städtischen Öffentlichkeit als staatlich organisiertem
Raum, in dem jeder Gruppe ein bestimmter Ort von sehr beschränktem
Ausmaße zugewiesen wird. In Wettbewerben und
Rechenschaftskonzerten wurden dann die Ergebnisse der in jenen
Räumen erbeiteten Repertoirs zur Schau gestellt. Gerade die Form
des Wettbewerbs, die auch auf dem Festival der Kulturen zum Einsatz
kommt, entfaltet sich die vereinheitlichende Wirkung sowjetischer
Kulturpolitik. Zwar präsentierte jede Gruppe einen etwas anderen
Dialekt, etwas andere Tänze, aber insgesamt waren die Formen der
Performation sowie die Schemen, in die sie gepresst wurden, die
gleichen. So hopsen heute nicht nur „die Weißrussen“ zur
post-sowjetischen Popmusik auf ihrem nationalen Hinterhof, sondern auch
Polen, Tataren, Russen und Ukrainer. Was man systemkritisch als
Nivilierung von Unterscheiden beschreiben kann, lässt sich aber
auch als Schaffung eines gemeinsamen Referenzsystems erkären. Wie
anderswo nationale Ideologie Bürger geschaffen hat, die sich trotz
ihrer Klassenunterschiede horizontal verbunden fühlten, haben wir
es hier mit der Folge sowjetischer Ideologie zu tun, die einen
Großteil der Bürgerschaft horizontal organisiert – trotz der
Unterschiede in den jeweils repräsentierten nationalen Kulturen.
In diesem Sinne geht es beim Grodnoer Festival gar nicht um
Minderheiten, sondern um die Mehrheit. So ist es auch kein Widerspruch,
dass die Mehrheit der Weißrussen, als letzte Minderheitengruppe
inszeniert wird, die auf Augenhöhe mit den anderen nationalen
Gruppen des Landes ihre folkloristisch aufgefasste Kultur
repräsentiert.
Die Gesamtheit des Festivals wird geprägt durch die jeweilige
Symbolik der gewählten Orte, die Art, die Bühnen zu
schmücken, die Programmatik der Auftrittskomposition, der
Ansagestil der Moderatoren, die Art der elektronisch-folkloristischen
Gegenwart der jeweiligen Volksmusik, die immer wieder neu erdachten
Trachten, der Gesang von Jung und Alt, die Choreographien der
Tanzgruppen, das allgemeine Streben, im Wettbewerb um den
schönsten nationalen Hinterhof, die Wertschätzung für
die gewonnenen Urkunden und Pokale, die Ehre auf einen der offiziellen
Empfänge eingeladen zu werden und die Aufregung, die alle
Beteiligten bei der Frage spüren, ob der Präsident kommen
wird oder nicht. Wichtig ist: das ganze Spektakel ist Teil einer
größeren staatlichen Kulturstrategie, die zwar auf Planen
und Dirigieren von oben basiert. Sie wird aber auch getragen durch die
Freiwilligkeit der Teilnehmer, durch ihr Streben nach einer
möglichst würdevollen, künstlerisch angemessenen und
formell akzeptablen Repräsentation folkloristischer Unterschiede:
die vielen Hundert Teilnehmer des Festivals, die Menschenmassen auf den
Straßen der Grodnoer Altstadt und Volkskünstler, die im Park
ihre Heimproduktion feilbieten, sind allesamt freiwillige Mitstreiter.
Dass es immer wieder zu Konflikten um das Festival kommt, die dazu
führen, das wie 2004 die litauische Community und 2006 die
polnische die Kooperation verweigern, widerlegt nicht das Argument, der
erfolgreichen und weitgehenden Sowjetisierung. Zwar stellen jene Teile
der litauischen und polnischen Minderheit, die die Zusammenarbeit mit
den Stadtverwaltern verweigern, die national bewussten kulturellen
Eliten ihrer Gruppen dar, die die Sowjetisierung weiter Teile der
katholischen Bauernschaft jeweils als nationale Tragödie fassen.
Aber die Formen, in denen sie ihre Ethnizität bei vergangenen
Festivals repräsentiert haben und bei den sich ihnen bietenden
Gelegenheiten repräsentieren, unterscheiden sich in keiner Weise
von denen durch andere Gruppen auf dem Festival gebotenen. Auch sie
sind Migranten aus dem Dorf, die zu einem starken Grad Teil des
sowjetischen Mainstreams geworden sind. Dass dennoch ein Bewusstsein
für ihre historische Herkunft, in einigen Familien auch der Glaube
und die Sprache überdauert haben, widerlegt die These von der
Russifizierung durch Migration in die Stadt nicht. Die Probleme bei der
Wiedergeburt der polnischen Gemeinschaft im heutigen Weißrussland
führen vor Augen, dass es sich eben um die Neuerfindung einer
Tradition, nicht aber um das Hervorzaubern einer Tradition aus dem
Untergrund handelt.
Auf der einen Seite haben wir es mit einer post-sowjetischen Tradition
zu tun, die vor allem an den Zweiten Weltkrieg und die folgende
sowjetische Übernahme der Stadt anknüpft. Dies Vision der
Vergangenheit hat ihre Daseinsberechtigung, da weit über 95 % der
heutigen Bewohner nicht aus Grodno selbst stammen bzw. erst in zweiter
Generation hier leben. So ist Grodno erst durch den Exodus des
weißrussischen Dorfs in die Stadt weißrussisch geworden.
Aufgrund der sowjetischen Kulturpolitik und der regionalen Bedeutung
der Stadt als Bezirkssitz, war die Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits
stark sowjetisch geprägt und die Bauern zahlten als Eintrittspreis
in die Stadt den Preis der Akkulturation – sie versuchten sowjetische
Bürger zu werden. Diese sprachen Russisch und distanzierten sich
von ihrer dörflichen Vergangenheit. Dieser Prozess war sowohl
für orthodoxe als auch für katholische Bauern
charakteristisch. Heute haben sowohl Polen als auch Weißrussen
Probleme bei der „Wiedergeburt“ ihrer nationalen Traditionen, der
Verbreitung der Polnischen und Weißrussischen Sprache. Um ein
Anknüpfen an die vorsowjetische Zeit zu ermöglichen haben
sowohl polnische als auch weißrussische Akteure einen
Gegenentwurf zur sowjetischen Interpretation der Geschichte entworfen.
Sie verankern die Herkunft ihrer ethnischen Gruppen in er Vergangenheit
von jeweils nationaler Blüte – bei beiden liegt diese insbesondere
in der frühen Neuzeit und in dieser Region natürlich in Bezug
auf das Litauische Großfürstentum.
Obwohl sich der sowjetische und der nationale Narrativ gegenseitig
auszuschließen scheinen, haben sie beide eine eigene
Erklärungskraft. Ohne die europäische Vergangenheit des
Gebietes, das heute die Republik Belarus umfasst, lässt sich die
historische Bedeutung Grodnos nicht erschließen. Und ohne das
Ausmaß und die Folgen der Migration der weißrussischen
Bauernschaft unter sowjetischen Bedingungen zu verstehen,
erschließt sich nicht die Bedeutung der post-sowjetischen
Gegenwart. Deren klarstes und zugleich widersprüchlichstes Antlitz
in Grodno ist das des Festivals, in dem sich alle historischen
ethnischen Gruppen in einen Reigen mit den sowjetischen
Arbeitsmigranten begeben und am Ende sich die Weißrussen selbst
einreihen. Damit inszeniert sich Weißrussland als
Vielvölkerstaat, als Staat, in dem post-sowjetische Bürger
friedlich zusammen leben – egal welcher ethnischen Herkunft sie sind.
Die Inszenierung nationaler Kulturen ist allein ein folkloristisches
Ritual, deren Performanz wichtiger ist, als nationale Konnotationen,
die über die Gegenwart des Dorfes in der Stadt hinausgehen. Dass
die Weißrussen sich selbst in den Reigen ihrer nationalen
Kulturen einreihen, ist dabei kein Widerspruch. Heute ist
weißrussische nationale Kultur, die auf etwas anderes als auf das
sowjetische Erbe rekuriert genauso in der Minderheit wie z.B. die
Aktivisten der polnischen Minderheit, die sich gegen das Regime
auflehnen. Gleichzeitig ist dieser Zustand für die Mehrheit der
Weißrussen kein Widerspruch. Da sie selbst Kinder der Sowjetunion
sind ruft die Durchmischung sowjetischer Narrative mit einigen neuen
bürgerlichen Elementen der Staatsideologie Lukaschenkos keine
negativen Konnotationen hervor, wie dies für die kulturelle Elite
des Landes der Fall ist.
Weitere Beobachtungen aus Grodno: Vom
Ufer der Memel